Blue Flower

Jetzt erst entdeckt: in der Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung gibt es eine Publikation (Nummer 1810) mit dem Titel "Lärm" (Autor: Sieglinde Geisel); diese ist zwar schon aus dem Jahr 2007, aber leider immer noch topaktuell und sehr lesenswert. Die gut 80 Seiten im Din à 4 Format sind gegliedert in die Kapitel: "Was ist Lärm?" -- "Lärm und Macht" -- "Lärm und Religion" -- "Schlachtenlärm" -- "Entgrenzung durch Lärm" -- "Geschichte des Lärms" -- "Lärmtheorien" -- "Die Entdeckung des Lärms" -- "Lärmenthusiasten" -- "Lärmmessung" -- "Berieselung" -- "Stille" und mit Illustrationen von Luis Murschetz versehen und unentgeltlich zu beziehen bei: Vontobel-Stiftung, Postfach, CH-8022 Zürich; Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!; www.vontobel-stiftung.ch. GK

 

Das aktuelle (Sommer 2019) Heft der "Streifzüge - Magazinierte Transformationslust" (No 76) hat "Lärm" zum Hauptthema  >>www.streifzuege.org<<.

Sehr lesenswerte Artikel

von Götz Eisenberg: Vom Recht auf Stille. Eine Attacke auf das Universums des Lärms.

von Franz Schandl: Im Kontinuum des Lärms. Beiträge zur Phänomenologie gegenwärtigen Lautseins.

von Maria Wölfingseder: Wider die akustische Hörigkeit. Oder: Die Dauerlärmwurst als Nahrung & Exkrement permanenter Vermarktung & Vernutzung.

von Günter Schneider: Alptraum Elektroauto.

von Maike Neunert: Vier Wände, die nicht schützen. Schallschutz in Mietshäusern.

u.a.

 

 

zur Erheiterung und als Argumentationsbeispiel: ein lustiger Sketch von Dieter Hallervorden

                                                                            und: ein treffendes Lied von Reinhard Mey: Ich hasse Musik

 

Es gibt ein neues Projet: http://ruhezone.org/, das seit 11.02.19 online ist. Auf der Seite sollen künftig bundesweit Läden und Betriebe gelistet werden, die in ihren Geschäfts- oder Gasträumen keine Hintergrundmusik spielen. Der Impuls kam aus einem persönlichen Anliegen heraus, das Marion Swiergot aus Bielefeld mit Ihnen und vielen anderen Betroffenen teilt. Sie sagt:"Der Grundgedanke meiner Website ist, Menschen, die gerade in der Stadt unterwegs sind, via Google Map die Möglichkeit zu bieten, das nächstgelegene Café, Lokal usw. zu finden, das auf Musik verzichtet."

 

 "Klassik light ist das Schlimmste"

Das gerade eröffnete Klavierfestival Ruhr ehrt die Pianistin Elena Bashkirova

Ein Gespräch über Zwangsbeschallung, guten Klang und miesen Rap

"Man wünscht sich ausgeruhte Ohren."

Elena Bashkirova beklagt die Dauerbeschallung mit "Klassik light"

Frau Bashkirova, Sie waren so freundlich, mir Ihre Handynummer zu geben. Darf ich fragen, was Ihr Klingelton ist?

Bashkirova: Nur ein ganz klassisches "Rrrring". Ich kann es nicht ausstehen, wenn aus den Handys klassische Melodien schallen. Leider passiert das sogar im eigenen Konzert (lacht). Es ist schlimm.

Ja, es ist schwierig geworden, der Dauer-Beschallung zu entkommen.

Und ob! Man zwingt uns pausenlos, irgendwelches Zeug zu hören, von der Boutique über den Fahrstuhl bis zur Flughafen-Toilette. Entschuldigen Sie, aber es ist eine Vergewaltigung für die Ohren der Menschen. Vor allem werden die Ohren sehr müde davon ...

Da hilft es Ihnen auch nicht, wenn es sich um Klassik handelt?

Im Gegenteil, diese "Klassik light" ist für mich das Schlimmste. Und man entkommt dem nicht. Gerade als Musiker ist es mir unmöglich, wegzuhören. Leider.

(aus: NRZ Freitag, 20. April 2018) -> den ganzen Artikel lesen

 

 

"Last Christmas" sorgt für Einkaufsfrust: Zwei Drittel der Deutschen können beim Shopping gut auf weihnachtliche Musik verzichten

Dass Musik im Supermarkt oder Kaufhaus für Einkaufsfrust statt Einkaufslust sorgt, ist allerdings kein Phänomen der Adventszeit. Rund jeder zweite Studienteilnehmer findet, dass ihm auch außerhalb der Weihnachtszeit die Musik in vielen Geschäften zu laut ist. -> den ganzen Artikel lesen

 

 

"Ich lasse mich nicht berieseln." Thomas Hengelbrock sucht Regeneration lieber in der Stille. Die Allgegenwart der musikalischen Berieselung nervt ihn auch. Auf die Frage, ob er ab und zu der Gesellschaft den Stecker ziehen möchte, antwortete er in einem in der NRZ vom 01.12.2017 wiedergegebenen Interview: "Ich tu's einfach persönlich. Wenn in einem Hotel der Frühstücksraum bedudelt wird, nehme ich meinen Teller mit aufs Zimmer. In Restaurants mit Musik halte ich's nicht aus. Ich schaue nicht fern, lasse mich nicht berieseln. Wissen Sie, wenn Sie Ihre Inspiration aus dem Inneren schöpfen, dann müssen Sie sie auch schützen vor dem Ansturm des Äußeren. Ich lebe nicht wie ein Mönch, aber ab und zu entziehe ich mich dieser Welt einfach."

 

 

Die Musikindustrie

Die Dudelmusik kommt aus dem Lautsprecher. Das sind wir leider gewohnt. Aber wie kommt sie dort hinein?

Eine Antwort gibt der Artikel „Die Hitmaschine“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29.12.2018. Dort wird über die „Musikindustrie“ berichtet. Woher bekommt sie ihre Stars? Ein start-up-Unternehmen „Instrumental“ „versucht, potentielle Stars und ihre Musik durch die computergestützte Auswertung von Daten zu finden. Clever programmierte Computer-Algorithmen und künstliche Intelligenz sollen Prognosen liefern, was demnächst einem Massenpublikum gefallen könnte. Das Unternehmen will eine Art Hitmaschine bauen“. Diese „Musik-Streamingdienste“… haben der Branche den größten Wachstumsschub seit mehr als einem Vierteljahrhundert beschert.“ Streaming-Weltmarktführer ist Spotify, es hat 190 Millionen aktive Nutzer und hält rund 40 Millionen Musikstücke verfügbar. „Die Streamingplattformen bombardieren ihre Nutzer ständig mit Musikempfehlungen, damit diese mehr Musik hören. Diese Tipps werden ebenfalls von Algorithmen generiert… Die Hitmaschine produziert nicht nur das Musikangebot. Sie schafft auch ihre eigene Nachfrage.“ Soweit der völlig unkritische FAZ-Artikel.

Wir werden also im öffentlichen Raum gezwungen zu hören, was die Musikindustrie mit ihren Computer-Algorithmen vorgibt. Jede Spur von Geschmack, Musikalität und Genuss ist getilgt. Die Sache geht aber noch weiter. Die Computer erzeugen auch Musik. Sie ist als „industrial music“ bei einem Teil des Millionenpublikums beliebt. Die Elektronik besiegt die Ästhetik. Ein Grund mehr sich zu wehren.


Dieter Maier (stellvertretender Vorsitzender)

 

Vom Lärm der Welt und der Melodie der Stille

 

Michael Ladwein

 

 

Die größte Offenbarung ist die Stille. Laotse

Beethoven, ganz, ganz tief in dich hinein lauschtest du, Tauber, vernahmst so die Geräusche der ganzen Welt: Das Konzert des Sturmes, das Konzert der Stille, das Konzert der Klagen, das Konzert des Kicherns! Und du gabst es einfach wieder, wie Bergwände das Echo - - -. So wurde es die Musik der Welt!                                       Peter Altenberg

 

Eigentlich hat Joseph Roth schon alles gesagt. In seiner 1940 postum erschienenen, doch Jahr­zehnte früher handelnden Erzählung „Der Leviathan“ schildert der österreichische Romancier in bemerkenswert hellsichtiger Weise den Beginn einer neuen Epoche am Beispiel des Einbruchs der modern-merkantilen Zeit in ein kleines Landstädtchen irgendwo in Ostmitteleuropa. Ein älterer Herr verkauft seit vielen Jahren, niemand weiß wie lange schon, echte Korallenketten an die Bäu­erinnen des ganzen weiteren Umkreises. Die Korallen bezieht er gezielt aus verschiedenen Städten Europas, von Amsterdam bis Odessa, und läßt sie in seinem Hause von jungen Frauen zu Ketten auffädeln. „Bei dieser Arbeit sangen die Mädchen im Chor. Und im Sommer, an heißen, blauen und sonnigen Tagen, war im Hof der lange Tisch aufgestellt, an dem die fädelnden Frauen saßen, und ihren sommerlichen Gesang hörte man im ganzen Städtchen... Manchmal mischten sich die Bäuerinnen, während sie nach passenden Korallen suchten, in den Gesang der Fädlerinnen; alle sangen sie zusammen...“ Die Korallen aber, davon war der alte Händler tief überzeugt, waren auch als Ketten immer noch etwas Lebendiges. Das wußte er aus langer Erfahrung und sah es stets von neuem: wenn sie bei gesunden Frauen aufblühten in intensiverem Rot, bei kränklichen aber verblaßten.

Doch eines Tages eröffnete ein von weither Zugereister in dem Städtchen einen Laden, in welchem er leuchtend rote Korallen viel billiger verkaufte, und außerdem – welche Sensation und Attraktion! – lief dort den ganzen Tag ein Grammophon. Die „Korallen“ waren künstlich, aus gefärbtem Zelluloid, und die Bauern konnten und wollten nicht unterscheiden, freuten sich an dem neuen, billigen, glänz­en­den Schmuck und der modernen mechanischen Musikberieselung. Der (auch moralische) Untergang des alten Korallenhändlers war besiegelt, der Gesang der Fädlerinnen und Bäuerinnen verstummte. Talmi, Täuschung und Grammophon­geplärr hatten gesiegt. -> den ganzen Artikel lesen

 

 

Verein "Hörstadt" (Österreich)

In Österreich hat sich der Verein "Hörstadt" in der Vorweihnachtszeit des Jahres 2013 um den Lärmpegel in Wiener Geschäften gekümmert. Wie die "Tageszeitung" (14./15. Dezember 2013) berichtet, organisiert der Verein die Kampagne "Beschallungsfrei" und vergibt jährlich einen Preis für die "übelsten Zwangsbeschaller des Jahres". Auch in anderen Städten Österreichs beobachteten Vereinsaktivisten mit Messgeräten das Weihnachtsgeschäft 2013.

Kontakt:
Hörstadt - Verein für Akustik, Raum und Gesellschaft
Niedermayrweg 7
4040 Linz
Österreich
Tel. +43 (0)732/78 13 24 30
office(at)hoerstadt.at
Linz kämpft gegen Zwangsbeschallung

 

 

Lärm am Arbeitsplatz - Beispiel Amazon

Zitat einer Arbeiterin eines der Verteilzentren von Amazon (ohne Angabe des Ortes):

"Im vierten Quartal spielen die Chefs in Endlosschleife laute Musik in der Halle, um uns anzuspornen... Einmal haben sie uns während der Feiertage mit Hardrock zugedröhnt, damit wir schneller arbeiten. Es war so laut, dass ich Kopfschmerzen bekam, mein Herz raste. Als ich den Chef bat, leiser zu stellen, hat er mich ausgelacht, weil ich über fünfzig bin, und hat mir erklärt, das sei ein Unternehmen für junge Leute"

(aus: Die Versandfabrik - im Inneren von Amazon. Le monde diplomatique, dt. Ausgabe, November 2013). Der Artikel berichtet über die Arbeitsbedingungen bei Amazon, zu denen hoher Leistungsdruck, Zeitverträge und das Verbot gewerkschaftlicher Betätigung gehören.

 

© 2008 by LautsprecherAUS! e.V.