Blue Flower

Und heute? Ach, wären es doch nur Grammophone! Wir haben es dagegen mit deren äußerst vitaler und aggressiver Nachkommenschaft zu tun, mit der Invasion der Lautsprecher, millionen­fach vermehrt, pandemisch alle Räume und Ecken infizierend, alle Wohnungen, Geschäfte, Kauf­häuser, Gaststätten, Restaurants, Aufzüge, Autos, oft genug auch öffentliche Plätze und Straßen – es gibt kein Entrinnen. Autos als rollende Discos, die MP3-Player der Jugendlichen in Bahn, Bus und Straßenbahn voll aufgedreht, sie selbst schädigend, ohne Rücksicht auf die Nachbarn (eine aktuelle Stellungnahme des Berufsverbandes der HNO-Ärzte in Deutschland macht genau diese tragbaren Discos dafür verantwortlich, dass sich heute bei jedem fünften Jugendlichen zwischen 16 und 20 „Auffälligkeiten im Innenohr“ finden und dass die „Altersschwerhörigkeit“ heute schon mit 20 Jahren beginnt...), aufdringlichst lärmende Handy-Signale in sattem Sound und voller Lautstärke, die längst keine „Klingel­töne“ mehr sind (in diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass das Wort „Lärm“ etymologisch verwandt ist mit „Alarm“, welches seinerseits vom alten italienischen Schlachtruf „all’ arme“ herkommt; erstaunlich, wie viele Menschen auf diese Weise freiwillig ständig in Alarmbereitschaft sind...). Überall nervenzerrende angloamerikanische Rock­­musik - die, wie kürzlich das online-Wissenschaftsmagazin „Scientific Reports“ berichtete, laut einer aktuellen, auf Computeranalyse gestützten Studie durch den Rückgang der Vielfalt von Melodien und Akkorden im Wortsinne immer eintöniger wird, dafür eine größere Ausgangslautstärke aufweist.[i] Der Kulturphilosoph George Steiner unterstellt gar dem Rock, dass er „auf der anderen Seite der Menschlichkeit steht. Er soll betäuben; er ist total sadistisch; er soll demütigen. Ich verbinde damit das Ende unseres Gefühls für die Harmonie des Lebens. (...) Er verbindet sich mit Drogen, mit Ekstase, aber vor allem mit dem Haß auf das Schweigen; während in der besten klassischen Musik und im Jazz das Schweigen eine ganz bedeutende Rolle spielt.“[ii] - Oder aufgeschäumter deutscher Schlagerschwachsinn. Diagnose: epidemische Besinnungslosigkeit. Offenbar ist kaum noch jemand zu den einfachsten Verricht­ungen fähig ohne fragwürdigste akustische Untermalung. Für immer mehr Menschen ist Leben, so scheint es, nur noch als „Leben mit Soundtrack“ (S. Geisel) möglich. Das Rauchen in öffentlichen Räumen ist, weil sich die Nichtraucher belästigt fühlen und wegen der schädlichen Folgen des Passivrauchens, bereits in fast allen Ländern Europas verboten oder stark reglementiert – warum soll dies mit der akustischen Umweltverseuchung nicht ebenfalls möglich sein?

Ohnehin ist ein Großteil der Bevölkerung Westeuropas heute von erheblicher Lärmeinwirkung durch Verkehr, Industrie und Maschinen aller Art betroffen. Nach offiziellen Angaben sind in der EU 80 Millionen Menschen tagsüber ständig allein verkehrsbedingtem Lärm über dem zulässigen Grenzwert von 65 Dezibel ausgesetzt. Wie der Dokumentation „Lärm“ des Schweizer Bundes­amtes für Umwelt zu entnehmen ist, leiden Lärmgeplagte „überdurchschnittlich häufig an: Herz-Kreislauf-Problemen, Bluthochdruck und dessen Folgen wie Hirnschläge und Herzinfarkte, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und, je nach Lärmstärke und Dauer, auch an rapidem Hörver­lust oder Tinnitus ... Zu den körperlichen Beschwerden gesellen sich dann noch die psychischen Auswirkungen wie ständige Angespanntheit, Aggressionen, Depressionen und eine allgemeine Leistungs- und Lernbeeinträchtigung.“[iii] Schätzungsweise zwischen 2000 und 4000 Herzinfarkte gehen in Deutschland jährlich auf das Konto von zu hoher Lärmbelastung. Wer sich dann aber noch volldröhnt mit allen Möglichkeiten und Tollheiten der Medien- und Unterhaltungstechnik, wird zwar irgendwann seine körperlichen Schäden zu spüren bekommen, wahrscheinlich ohne Ursachenerkenntnis, seine ästhetische und seelische Abstumpfung aber kaum selbst bemerken. „Viele Menschen wissen gar nicht mehr, wie sich die Welt oder ihre Seele ohne Hintergrundsmusik anfühlt. Ja, sie wissen nicht einmal, dass sie Musik hören – immerhin ein Drittel gibt bei Umfragen an, Hintergrundmusik nicht wahrzunehmen“ (S. Geisel).

Das Problem ist nicht neu, sondern heute nur bis an die Grenze des Menschlichen gesteigert. Schon Richard Wagner wurde in seiner Arbeit durch das Amboßgehämmer eines Schmiedes in der Nachbarschaft gestört (immerhin wurde ihm dadurch das Schmiedemotiv Mimes im Rheingold eingegeben), und Schopenhauer goß seine Wut über das „wahrhaft infernale Peitschenklatschen“ draußen auf der Straße (er kannte noch keine Mopeds...) in die herrlich polemische, in der Kernaussage zeitlose kleine Abhandlung Über Lärm und Geräusch in den Parerga und Paralipomena: „Allerdings gibt es Leute, ja recht viele, die ... auch unempfindlich gegen Gedanken, gegen Dichtungen und Kunstwerke, kurz, gegen geistige Eindrücke jeder Art sind ... Die allgemeine Toleranz gegen unnötigen Lärm ... ist geradezu ein Zeichen der allgemeinen Stumpfheit und Gedankenleere der Köpfe. In Deutschland ist es, als ob es ordentlich darauf angelegt wäre, dass, vor Lärm, Niemand zur Besinnung kommen sollte...“ Wenige Jahrzehnte nach ihm bezeichnete der amerikanische Satiriker Ambroise Bierce den Lärm ebenso lapidar wie treffend als „Gestank im Ohr.“

Vor gut einem Jahrhundert schrieb der Kulturphilosoph Theodor Lessing in seinem temperamentvollen und in vielen Punkten hellsichtigen, auch heute noch durchaus lesenswerten Pamphlet Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens (Wiesbaden 1908): „ Wie die gröberen Organe unseres Leibes durch die staatliche Autorität geschützt werden, wie man die Bevölkerung vor schlechten, verdorbenen oder verfälschten Nahrungsmitteln zu behüten versucht, so sollte auch das zarteste wichtigste Organ, das Ohr, zumal aber das Ohr der Schuljugend vor dem schlechten, verfälschenden, den Geschmack verpöbelnden Musiklärm geschützt werden.“ Die Allgegenwart von betäubendem Geräusch (wozu seinerzeit, noch vor dem  Lautsprecherzeitalter, die uns heute eher harmlos erscheinenden Geräuschquellen wie Klavierüben in Nachbarwohnungen, frühmorgendliche Fuhrwerke auf Kopfsteinpflaster, Teppichklopfen usw. gehörten – doch kommt es einem vor, als sei seine Anklage erst für das Lautsprecher- und Fernsehzeitalter ein Jahrhundert später geschrieben) geißelte er schon damals mit  größter Verve: „ Eine grauenhafte Unsitte grassiert in ganz Deutschland: das allgemeine Restaurant- und Kaffeehauskonzert. Wer auf das Wohlwollen seiner Mitmenschen angewiesen ist, musikalische Ohren besitzt und sich nicht ‚aus dem Erwerbsleben zurückziehen’ kann, der wird durch Musik, in der alle Welt ihre Nöte und Sorgen übertäubt, fast zu Tode gemetzgert. (...) Aber auch alle Erholungsstätten sind von schlechter Musik überfüllt. Der jeweilige Gassenhauer (...) verfolgt uns bis in die Träume der Nacht. Die allgemeine Musikwut übt auf die Kultur des Ohres die selbe Wirkung, die das illustrierte Journal, das "Witzblatt" und die kitschige Reproduktion auf die Kultur des Auges übt. Man lebt im Hören und Sehen gleich wüst und unkultiviert. (...) Wer aber kann sich wundern, dass Lebewesen, die gar nichts in der Seele tragen als spezifische Futtertrog- und Familieninteressen wie die Mühlen klappern, dass sie im Lärme leben wie der Fisch im Wasser ...“  Robert Koch, der sich mit Epidemien gut auskannte, prophezeite 1910: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.“ Und dabei wusste er, so wenig wie die Vorgenannten, noch nichts von der Lautsprechercholera und der Zwangsbeschallungspest unserer Tage.

Unlängst hat auch der Berliner Sänger Max Raabe, Interpret „nostalgischer“ deutscher und amerikanischer Lieder und Schlager bzw. Songs der Zwanziger- und Dreißigerjahre, diese allgegenwärtige Nötigung durch die Lautsprecher-Dauerberieselung (eine „akustische Freiheitsberaubung,“ wie Günter Anders dies schon in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts nannte[iv]) beklagt: „Unanständig finde ich die Tatsache, dass man Musik spielt, wo gar keine nötig ist, wo sie sogar stört. (...) Wenn ich abends ausgehe, bevorzuge ich Lokale, in denen keine Musik läuft. Auch in Berlin kann ich diese an einer Hand abzählen. Doch komischerweise beschwert sich dort niemand darüber, dass etwas fehlt. [Umgekehrt, so möchte man ergänzen, beschwert sich komischerweise niemand in vollgedudelten Restaurants, dass da etwas zu viel ist! M. L.] Ich träume davon, dass es mehr solcher Orte gibt, an denen man Musik nicht benutzt, um permanent alles zuzukleistern. (...) Die schönsten akustischen Zufluchten, die ich kenne, sind im Sommer die Seen um Berlin, wo immer Geräusche zu hören sind: Entenschnattern, Kinderlachen, summende Insekten. Mich einfach auf eine Wiese zu legen und dem zuzuhören, der Musik des Ortes zu lauschen – das ist für mich Wohlklang“ (DIE ZEIT online, März 2010).

Daß Lärm die Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander deutlich mindert, ist inzwischen längst wissenschaftlich bewiesen, etwa durch die empirisch-experimentellen Untersuchungen der amerikanischen Psychologen Matthews und Caron (Journal of Personality and Social Psychology, 1976). Sie wiesen nach, dass gegenüber einem ruhigen Umfeld ein lärmerfülltes die Anzahl der Hilfsbereiten um die Hälfte reduziert.[v] Das leicht hingesprochene Wort vom „Höllenlärm“ scheint doch eine tiefere Dimension zu haben...

 

Metanoeite – denkt um! möchte man mit dem Täufer Johannes ausrufen, haltet ein, kehrt um! Lernt das Beglückende der Stille kennen. Stille ist nicht schalltot, sie ist voller Leben. Das kann jeder bestätigen, der noch fähig ist, der lebenerfüllten Stille eines Spätsommertages zu lauschen, dem Rauschen des Windes in den Bäumen, dem auf die Blätter fallenden Regen. Nur in der Stille kann sich Schöpferisches entfalten, können wirkliche Ideen keimen und aufblühen. Die Dichter und Weisen haben das seit jeher gelehrt. „Das Ewige ist stille / Laut die Vergänglichkeit“ – ein tief weises Wort des Dichters Wilhelm Raabe, dem man noch weiter zuhören darf: „Eine Blume, die sich erschließt, macht keinen Lärm dabei. Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum. Unbemerkt kommt alles, was Dauer haben wird, in dieser wechselnden, lärmvollen Welt voll falschen Heldentums, falschen Glücks und unechter Schönheit ... Es ist eine Glocke, die klingt über alle Schellen; wer in der rechten Zeit still sein kann, der wird sie wohl vernehmen“. Doch schon produktive Geister wie Goethe („Leise, leise! Stille, Stille! Das ist erst das wahre Glück“)  und Friedrich Schlegel („Selig, wer sich nicht in das Gewühl zu mischen braucht und in der Stille auf die Gesänge seines Geistes horchen darf“) wussten in ihrer in punkto Lärm noch so paradiesisch unterentwickelten Zeit, lange vor der Machtübernahme der Motoren und Lautsprecherboxen, den Segen der Stille zu schätzen.

Ob es in unserem Kulturkreis heute noch Jemandem möglich ist, in bestimmten begnadeten Augenblicken die Stille als solche zu „hören“? So wie es noch vor wenigen Jahrzehnten Romano Guardini in einem italienischen Park vergönnt war: „Nun ist es still. Jene unsägliche Stille, in welcher man von nichts wegzuhören braucht. Ganz still; weithin, weither.“

Doch es gibt einen ersten Hoffnungsschimmer für alle Opfer des gegenwärtigen Lärm-Tsunamis, einen allerdings noch blassen Silberstreif am Horizont. Vom deutschen Bundesamt für Umweltschutz wird neuerdings ein „Lärmbewußtsein“ eingefordert,[vi] in der Schweiz denkt man, ausgehend von dem erwähnten Bundesamt für Umwelt, neuerdings gar über eine „Lärmsteuer“ nach. Zum anderen hat sich ausgerechnet in England, dem Ursprungsland des lärmigen Beat&Rock&Pop&Punk eine Gegenbewegung formiert, pikanterweise von dem ehemaligen Star der Techno- „Musik,“ Bill Drummond, inauguriert: von 2005 bis 2009 fand jeweils am 21. November ein „No-music-day“ statt. An diesem bewusst gewählten Datum, dem Vortag des Festes der hl. Cäcilie, Patronin der Musik, sollte nach dem Willen des Inaugurators und seiner Mitstreiter der gedankenlosen Musikberieselung entgegengewirkt werden, die Lautsprecher möglichst abgestellt bleiben bzw. nur Wortbeiträge wiedergeben. Eine Reihe britischer Radiostationen und sogar die BBC Schottland hatten sich in die Aktion eingeklinkt.[vii] Dabei hätte man sich nur beizeiten die Botschaft des größten Hits der „Tremeloes“ von 1967 zu Herzen nehmen brauchen: „Silence is golden...“

Denn der noch nicht Betäubte und Abgestumpfte wird das Glück haben, echte Musik tief empfinden zu können, gerade auch ihre subtilsten Erscheinungsformen, sei es, aus dem unendlich reichen Universum der Musik zufällig herausgegriffen, die fast über­irdische Schönheit des Andantes von Schuberts Streichquartett D 112 oder des Notturnos aus Borodins 2. Streichquartett, Tschaikowskys „Andante cantabile,“ ein indisches Raga, der schier unauslotbare musikalisch-geistige Kosmos von Bachs „Wohltemperiertem Klavier,“ oder Hans Ottes Klavierzyklus „Buch der Klänge“  oder die durchaus „irdische,“ aber durch und durch beseelte Jazz­trompete des späten Chet Baker – oder tausend andere Beispiele von Musikstücken, die, wie der Schriftsteller Michael Krüger es nannte, „dem Schweigen benachbart“ sind. Und er wird auch wohl eher in der Lage sein, an den Nuan­cen der Stimme (und des Gesichtsausdruckes) seines Nächsten dessen Befindlichkeit, und viel­leicht dessen Anliegen wahrzunehmen, noch vor allen Worten.

 

Vor allem aber ist die Stille, wie die geistig Strebenden und Mönche und Nonnen und Einsiedler aller Religionen wissen, Voraussetzung jeglicher seelischen und spirituellen Höherentwicklung. Den modernen Menschen aber mahnten weise Männer und Frauen wie Dag Hammarskjöld („Verstehen – durch Stille, Wirken – aus Stille, Gewinnen – in Stille“), Karlfried Graf Dürckheim, der die „Stille, die nicht die Stille des Todes, sondern die Stille des sich erfüllenden Lebens ist“, anempfahl, oder die österreichische Schriftstellerin Christine Lavant, die die Stille den „Mutterort der Verwirklichung“ nannte: „Die Stille ist ein Gut, das wir niemals vorfinden, weder außen noch innen. Sie muß erworben werden. Unerreichbar ist sie für niemand. ... Der Aufenthalt in ihr führt von Wirklichkeit zu Wirklichkeit, jede Stufe höher und mehr überglänzt vom Einstrahl des Geistigen. In ihm beginnt das wahre Leben“ (Die Stille als Eingang des Geistigen). Und Paul Brunton wußte: „Nur in der tiefsten Stille können wir die Stimme unserer Seele hören; Argumente übertönen sie, zu viele Worte vertreiben sie.“ Nicht nur zu viele Worte und überflüssiges Gerede, sondern auch das ganze Gedudel & Gehudel der Welt. Durch dessen - möglichste - Zurückdrängung kann auch der in normalen Umständen lebende moderne Mensch viel für seine innere Kräftigung tun, kann zu einer wirklichen Besinnung kommen - Besonnenheit statt Benommenheit und „Irresein der Zerstreuung“ (Chr. Lavant).

Dann werden aber auch seine inneren „Antennen“ für ganz andere „Frequenzen“ empfangsbereit sein. Mit etwas Gnade wird er irgendwann, mehr oder weniger deutlich, den Anruf der höheren, der göttlichen Welt wahrnehmen können. Statt aller Theologen sei wieder ein Dichter als Zeuge berufen, ein besonders unverdächtiger, der erfolgreiche DDR – Schriftsteller Erwin Strittmatter. In seinen Tagebüchern notierte er  einmal: „Gott hat sich aufs Stillsein verlegt. Du gehst in der Menge, er zupft dich sacht am Ärmel: Ich bitte, mir unauffällig zu folgen!“

Nachbemerkung:

Es ist mir ein Bedürfnis, hier noch einmal klarzustellen, um was es mir bei diesem Text eigentlich geht: nämlich vor allem um eine Bewusstmachung dessen, was Stille und Lärm in qualitativer Hinsicht wirklich bedeuten; was einerseits Stille wirklich ist und welche Bedeutung sie für den Einzelnen und seine seelisch-geistige Gesundheit haben kann; zum anderen und vor allem, dass und wie im Gegensatz dazu der Lärm sich individuell und insbesondere im sozialen Bereich schädlich auswirkt.

Ich bin mir bewusst, dass der Begriff „Lärm“ relativ ist – was dem einen Musik, ist dem anderen Lärm. Doch warum soll mir in der Eisenbahn oder S-Bahn, wenn ich ein Buch lese oder meinen Gedanken nachhänge, was ja ausgewiesenermaßen stille Tätigkeiten sind, dies unmöglich gemacht werden durch die schrillen rhythmischen Zischtöne aus dem Kopfhörer einer sich mit Rockmusik bedröhnenden Person, selbst über mehrere Sitzreihen hinweg? Oder von einer plötzlich losgehenden Heulboje in Form eines Telefons und dem anschließenden ungeniert und rücksichtslos lauten, oft nicht enden wollenden „fernmündlichen“ Redefluß? Wie menschlich ist da doch die Unterhaltung zwischen real anwesenden Gesprächsteilnehmern! Oder warum soll ich es hinnehmen müssen, dass ich in fast jedem Restaurant auf diesem Kontinent aus (inzwischen meist fest installierten, zur Einrichtung gehörenden) Lautsprechern bedudelt werde, und dies in den meisten Fällen mit einer ganz und gar nicht dem Essen oder vielleicht sogar einem etwas festlicheren Tafeln gemäßen Musik? Sondern mit dem üblichen eher ordinären Gedröhn des „3. Programms“ und zudem meist deutlich zu laut? Es soll ja meinetwegen durchaus derartige Lokale geben, wo sich Diejenigen tummeln, die das schätzen oder „brauchen.“ Aber es ist nicht einzusehen, dass dies auch für jedes Speiserestaurant oder jedes Cafe gelten soll – da können Einrichtung und Qualität der Küche noch so geschmackvoll sein, der oft erschreckend bewusstlose Umgang mit der Beschallung macht das fast ganz wieder zunichte. Hier wäre mehr Zivilcourage vonnöten, indem man bei unzumutbarer Beschallung an der Tür wieder abdreht und dem Lokalinhaber auch den Grund dafür mitteilt; oder zumindest bittet, die Musik doch leiser zu stellen (was bei aufdringlich rhythmischer Musik zwar so gut wie nichts bringt) oder eine angemessenere aufzulegen, oder hinterher einen Brief schreibt, in welchem man die ggf. gute Küche und die angenehmen Räumlichkeiten lobt, dann aber auf die unangemessene Beschallung hinweist, die die Entspannung nach einem vielleicht anstrengenden Tag oder die Unterhaltung zu zweit bzw. mit Freunden beeinträchtigt hat. Gäbe es in Deutschland tausend Menschen mit ein wenig mutiger Aktivität in diesem Sinne, würde sich bald etwas ändern. Dabei bin ich gar nicht einmal absolut gegen jegliche Beschallung. Wenn ich etwa morgens einen Hotel-Frühstücksraum betrete, der statt der üblichen nervtötenden Schreihalsmusik zum Beispiel mit cooler beschwingter Samba-Musik in erträglicher Lautstärke beschallt ist, finde ich das in dieser Situation durchaus erfreulich. Da haben sich die Verantwortlichen etwas gedacht, haben eine bewusste Wahl getroffen aus der Überfülle der heute zur Verfügung stehenden Musikkonserven; daran aber mangelt es fast überall. Vieles ließe sich noch aus anderen Lebensbereichen anführen. Wer sich etwa in seinem Garten stundenlang mit dem Rasentrimmer (eine der übelsten Lärmmaschinen überhaupt – wie viele Hunderttausend gibt es davon inzwischen alleine in Deutschland, und in welchem Ausmaß tragen sie zur akustischen Umweltverschmutzung in unserem Land bei?!) austobt, bis auch das letzte illegale Hälmchen ausgemerzt ist, hat zwar in der Regel selbst Ohrschützer an, denkt aber nicht an seine Nachbarn, denen dadurch vielleicht gerade jetzt der schöne Sommernachmittag auf dem Balkon vergällt wird; und wenn er fertig ist, fängt der nächste an... Und so fort, schier endlos.

Nichts einzuwenden ist jedoch z. B. gegen fröhlich-fetzige Konzerte oder Tanzmusik im öffentlichen Raum zu ihrer Zeit und am geeigneten Ort, ein „fröhlicher Lärm“ bei bestimmten Gelegenheiten ist auch eine berechtigte Lebensäußerung und ein Ausdruck der Lebensfreude. Nichts wäre schlimmer als eine Diktatur der Leisetreterei, die mit dem Duckmäusertum verschwistert ist. Wer die absolute Ruhe haben will, muß sich wohl tatsächlich ins Kloster zurückziehen. Hier aber schreibt kein Trappist.

Es geht also um den sozial bewussten Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten in Form von Lautsprechern und (Elektro-)Motoren. Dies aber würde einen Bewußtseinswandel voraussetzen. Der derzeitige Zustand jedoch kommt einem Imperialismus der Wattzahl und der Umdrehungsgeschwindigkeit gleich, entsprechend dem Imperialismus der PS-Zahl auf den deutschen Autobahnen. 

Den tieferen, eigentlichen Grund für diese grassierende Bewusstseins-Betäubung, die „Droge Lärm,“ hat bereits vor einem Jahrhundert C. G. Jung erkannt: „In der Stille nämlich würde die Angst den Menschen zum Nachdenken veranlassen, und es ist gar nicht abzusehen, was einem da alles zum Bewusstsein käme...“[viii] Hier wäre anzusetzen. Doch wie? Der falsch verstandene, sozialdarwinistische Freiheitsbegriff, tun zu können, was mir gerade „Spaß“ macht (freie Fahrt / freier Qualm / freier Lärm für ach so freie Bürger) ist ausgesprochen resistent gegen die Einwände und Ansprüche Derjenigen, deren Freiheit dadurch beeinträchtigt wird. Dennoch: Widerstand ist not-wendig und möglich, in punkto Qualm war er ja schon erfolgreich...[ix]

 

Hinweise:

Sieglinde Geisel: Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille, Berlin 2010

Unverzichtbar für jeden, der sich näher mit dem Thema befassen will, mit vielen wichtigen, weiterführenden Literaturhinweisen.

 

Das Gleiche gilt für:

Klaus Miehling: Lautsprecher aus! Zwangsbeschallung contra akustische Selbstbestimmung, Berlin 2010

»Lärmempfindliche Menschen werden ausgegrenzt und verspottet, von den Ordnungsbehörden alleine gelassen, und unterliegen bisweilen sogar vor Gericht. Dabei muss in einer Zeit, in der immer mehr Menschen ihr Gehör durch überlautes Musikhören schädigen, gefragt werden, ob nicht die ‚Empfindlichen’ eigentlich die ‚Normalen’ sind, die sich ein gesundes Gehör und eine gesunde Sensibilität bewahrt haben.«

 

Klaus Miehling: Gewaltmusik. Populäre Musik und Werteverfall, Berlin 2010

Gut recherchierte und belegte Studie zu den negativen Seiten der populären Musik. Zuweilen etwas radikal und monomanisch in Diktion und Argumentation, dennoch eine wichtige Stimme in der Diskussion über nicht nur kulturelle Werte, aber wohl eher ein „Rufer in der Wüste.“

 

Birger P. Priddat: Arbeit und Stille. Zur Phänomenologie der Interruption, in: Beiträge zur religiösen Erneuerung, Heft 3 (2012)

»Stille ist ein Wandler, Transformator. Sie ... gibt uns frei, etwas anderes wahrzunehmen oder uns auf etwas anderes zu richten, das aus der Stille auf uns zukommt... In der Stille beginnen wir dann, uns neu selbst wieder zu begegnen. Wir sind ... für einen kleinen Moment unsere eigenen Engel: in der Stille lernen wir, just for a moment, fliegen«

 

LautsprecherAUS! e. V.  Gemeinnütziger Verein für das Recht auf Stille. Kruhnskoppel 37, 24558 Henstedt-Ulzburg, Tel. 04193 5080830  geschaeftsstelleDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!     »Wären Ihre Ohren Ihr Magen, Ihnen wäre ständig schlecht!«

International Noise Awareness Day (= „Internationaler Tag für Lärmbewußtsein“)   www.tag-gegen-laerm.de

Dieser Text ist die überarbeitete und erweiterte Fassung des gleichnamigen Artikels, der in der Zeitschrift Die Christengemeinschaft Nr. 7-8 / 2009 erschienen ist.

Im Mittelalter empfand man die lärmende Musik als von dämonischen Mächten verursacht: Dämon des Lärms auf einem Kapitell in Ste. Madeleine in Vézelay (Burgund). Jede Ähnlichkeit mit heute lebenden Personen wäre rein zufällig.

  

[die 2 Zitate auf dem hinteren Umschlag]

Enlil hörte das Getöse und sagte zu den Göttern im Rat: „Dieser Tumult der Menschheit ist unerträglich und es ist nicht mehr möglich zu schlafen.“ Und so wurden die Götter bewogen, die Flut zu schicken.    Gilgamesch-Epos

Der Tod im Gefolge des Lärms

Ist beschlossen von jeher.

Ingeborg Bachmann

[i] www.n-tv.de/wissen/Musik-wird-immer-eintoeniger-article6931471.html

[ii] George Steiner, Die Logokraten. Interview mit R. A. Sharp

[iii] www.bafu.admin.ch

[iv] Die Antiquiertheit des Menschen

[v] Ursula Anders: Lärm mindert Hilfsbereitschaft, in: Die Christengemeinschaft 8/1976

[vi] siehe Lucia Schmidt: Auswirkungen von Lärm – warum tun wir uns das an? Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. 8. 2012

[vii] Die an die Person Drummonds gebunden gebliebene Aktion ist inzwischen aus persönlichen Gründen eingestellt.

[viii] zit. Nach Joan S. Davis, Lärm: Last oder Lust?

[ix] Siehe auch Michael Ladwein: Unsere Sprache, unsere Musik. www.ladwein-reisen.t-online.de/Veröffentlichungen

Hinweis: Die gedruckte Fassung dieses Aufsatzes kann beim Verfasser bestellt werden:

Michael Ladwein

Johannes-Keplerstr. 79

75378 Bad Liebenzell

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